Newsletter 2018-8: Leistungsgesellschaft ohne Ausgleichsventil – Achtsamkeit

Newsletter 2018-8: Leistungsgesellschaft ohne Ausgleichsventil – Achtsamkeit

Permanente Veränderung begleitet unser tägliches Leben. War es früher eher die Arbeitswelt, die uns Stress bereitete, so ist Stress heute zu gleichen Teilen auch im Bildungsbereich und im privaten Umfeld deutlich spürbar. In der Schule waren wir mit chronologisch sortierten Informationen und in sich abgeschlossene Aufgaben konfrontiert. Das Lernen fand betreut statt, es wurde nur ein Fach zur selben Zeit unterrichtet und das Lerntempo machte es möglich, dass ihm ein Großteil der Klasse folgen konnte. Das Endergebnis war richtig oder falsch und zudem klar abgesteckt. Auf dem Weg dorthin gab es wenig Unvorhersehbarkeiten oder überraschende Anforderungen, mit denen wir hätten umgehen, oder auf die wir hätten reagieren müssen. Die Arbeitswelt von heute ist jedoch geprägt von häufig täglichen Unvorhersehbarkeiten, von ungesteuertem, unsortiertem Kommunikationseingang und einer Arbeitsumgebung, in der das selbstständige Planen der Arbeit und der Arbeitszeit notwendiger wird. Wir sind zudem die erste Generation, die digitale Kommunikation erlernen darf. Das alles führt häufig zu Überforderung, auch weil es keine Erfahrungen gibt, von denen wir profitieren könnten, um derartigen Anforderungen und den umfangreichen, unsortierten Input zu kontrollieren. Nachfolgende Generationen werden sicher auch von unseren Erfahrungen der Überforderung profitieren.

Neue Technologien bieten ständig neue Möglichkeiten und ein rasantes Tempo. Teilweise handeln wir, als könnten wir durch ein Mehr an Arbeit in Kombination mit hohem Tempo allem nachkommen. Das wird nicht gelingen, wenn wir den Herausforderungen nicht mit genug Achtsamkeit begegnen. Wir haben nie gelernt, mit der wachsenden Menge an Möglichkeiten richtig umzugehen. Was wir heute noch erlernen müssen, bringt die nächste Generation schon von klein auf mit ins Arbeitsleben. Meditation und Achtsamkeitsübungen werden heute bereits zu einem wichtigen Element in der Schule. Das Thema Mindfulness entwickelt sich zum festen Bestandteil der grundlegenden Bildung.

Studien belegen, dass sich drei von vier Arbeitnehmern in Deutschland an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen, Spaß haben und ihren Job erfüllend finden. Gleichzeitig sind aber knapp neun von zehn Deutschen von ihrer Arbeit gestresst und leiden unter Überforderung, Überarbeitung, Erschöpfung, innerer Anspannung und Rückenschmerzen. Dass es „gerade etwas stressig“ ist, wird zum permanenten Zustand und Überforderung scheint zum guten Ton zu gehören. Warnsignale des Körpers, wie zum Beispiel Krankheiten, werden nicht wahrgenommen oder ausgehalten. Wir machen uns selbst zu Sklaven einer scheinbar viel zu schnellen, modernen Zeit, der Digitalisierung und des New Work Zeitalters. All das hat natürlich auch Einfluss auf unsere Familie und unser Freizeitverhalten.

Soziologen sprechen von sozialer Beschleunigung. Sie identifizieren drei Kern-Herausforderungen einer neuen, beschleunigten Arbeitswelt:

  1. Lebenslanges Lernen, was generell und durchweg positiv wahrgenommen wird: Lernen macht Menshen Spaß, es motiviert und sorgt für Zufriedenheit.
  2. Die Zunahme der Arbeitsdichte: sie führt oft zu Erschöpfung und zu Konflikten zwischen Beruf, Familie und Freizeit.
  3. Die Zunahme an Autonomie: Sie wird sowohl positiv bewertet, im Sinne von mehr Flexibilität, als auch negativ, indem sie zu Überforderung und Erschöpfung führen kann.

Kaum verwunderlich, dass sich jüngere Menschen Auszeiten aus der sozialen Beschleunigung wünschen, einfordern und auch nehmen. Achtsamkeitspraktiken wie Yoga und Meditation sind längst kein Hype mehr, sondern gehören zu den neuen Statussymbolen.

Egal ob im Arbeitsleben, im Privaten oder bereits im Schulalltag: überall steigen die Anforderungen und damit zugleich auch die allseitige Akzeptanz dafür, achtsame Lösungen und Konzepte in das eigene Leben zu integrieren. Achtsamkeit wird – aus Gründen des Selbstschutzes vor Stress, aber auch aus dem Wunsch nach Selbstoptimierung heraus – Teil unserer persönlichen Routine wie Zähneputzen und somit Basis für eine gesunde Lebensweise.

Um als Unternehmen mit diesen neuen Anforderungen adäquat umgehen zu können, braucht es eine neue Sichtweise auf den Mitarbeiter: Mitarbeiter sind keine reinen „Pflichterfüller“ mehr, sondern wollen autonom arbeitende, „leistungswillige Individuen“ sein. Inzwischen haben zahlreiche Führungspersonen in Organisationen erkannt, wie wichtig ein achtsamer Umgang mit sich selbst und unter Kollegen für eine stabile Leistungsfähigkeit des Unternehmens ist. Aus diesem Grund etablieren sich in den Unternehmen immer mehr Kurse und Weiterbildungen rund um Achtsamkeit, Resonanz und Empathie. Auch im betrieblichen Gesundheitsmanagement haben Yoga, Meditation und Co. Einzug gehalten, als Grundlage einer gesundheitsbewussten Arbeitsumgebung. Achtsamkeitskurse gehören vielerorts bereits zum Standard-Repertoire der hauseigenen Weiterbildung und zu einer ernstzunehmenden Disziplin von Managementtrainings. Arbeitgeber, die im Wettbewerb um Fachkräfte erfolgreich agieren möchten, werden langfristig Raum, Zeit und die Akzeptanz für Achtsamkeit in ihrer Organisation etablieren und damit dem Wunsch der Mitarbeiter nach kontinuierlicher Weiterentwicklung entgegenkommen müssen.