Newsletter 3: Jeder kennt sie: Die bunten Pflasterstreifen- die Kinesio-Tapes

Newsletter 3: Jeder kennt sie: Die bunten Pflasterstreifen- die Kinesio-Tapes

Schon lange sieht man nicht mehr nur Profifußballer mit bunten Pflasterstreifen an Oberschenkel, Knie, Rücken oder Wade. Die auf die Haut geklebten Streifen lindern Schmerzen und Verspannungen. Kinesio-Tapes können auch gegen Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich eingesetzt werden. Sie sollen die gestörte Beweglichkeit der Gelenke bessern, Schwellungen und Entzündungen nach Verletzungen abklingen lassen und sogar bei Migräne oder Tinnitus helfen: Seit der Jahrtausendwende haben Kinesio-Tapes ihren weltweiten Siegeszug angetreten.

Zunächst sah man die bunten Pflasterstreifen bei Sportlern in den USA. 2002 lief die japanische Mannschaft bei der Fußball-WM getapt aufs Feld. Nachfolgende Großereignisse wie Olympia oder Weltmeisterschaften sorgten für weitere Aufmerksamkeit. Dabei sind die farbenfrohen Klebebänder schon über 30 Jahre alt: Das Taping wurde in den Siebzigerjahren von dem japanischen Arzt und Chiropraktiker Dr. Kenzo Kase in Zusammenarbeit mit dem japanischen Konzern Nitto Denko Corp. entwickelt. Er suchte nach einem Weg, Schmerzen auf natürliche Weise zu lindern – zunächst mit hautfarbenen Streifen. Seine ersten Patienten waren Sumo-Ringer, die sich später schwarze Tapes wünschten, da sie „stärker“ aussahen als hautfarbene oder bunte Streifen.

Das Auffällige an Kinesio-Tapes sind die unterschiedlichen kräftigen Farben. Manche Therapeuten wählen die Farbe der Bänder passend zu den Beschwerden aus: So sollen nach der Farblehre rote und pinke Farbtöne vor allem aktivieren und Wärme erzeugen, blaue Nuancen dagegen entspannen und Kühlung verschaffen. Andere Behandler wiederum messen den Farben keine therapeutische Bedeutung bei und empfehlen ihren Patienten, die Farbe zu wählen, mit der sie sich am wohlsten fühlen.

Bei dieser Therapie werden die elastischen, selbsthaftenden Streifen unterschiedlich stark vorgedehnt auf die Haut geklebt. Anders als starre Tapes, die in der Sportmedizin zur Ruhigstellung und Stabilisierung eingesetzt werden, bleibt das Kinesio-Tape elastisch und flexibel, denn es entfaltet seine Wirkung erst bei Bewegung (gr.: κίνησις [kínēsis‘] = Bewegung).

Das auf die Haut aufgeklebte Tape massiert die tieferen Gewebeschichten, beeinflusst Schmerzsensoren, stimuliert Muskelkontraktionen und den Lymphfluss. Nervenzellen werden angeregt und die Durchblutung gefördert. Das Kinesio-Taping fördert somit die Selbstheilungskräfte des Körpers und trägt zur Verletzungsprophylaxe und legalen Leistungssteigerung bei.

Die typischen Anwendungsbereiche sind breit gefächert und erstrecken sich von der Orthopädie über die Sportmedizin, Lymphologie, Neurologie, Innere Medizin, Gynäkologie, Geburtshilfe bis hin zur Kinderheilkunde. Die Tapes können immer dann eingesetzt werden, wenn Schmerzen, Bewegungseinschränkungen oder muskuläre Dysfunktionen vorliegen, zum Beispiel nach/bei:

(Sport-)Verletzungen (z.B. Knie- und Sprunggelenkdistorsionen),
Arthrosen (Gelenkverschleiß),
überlastungsbedingten Beschwerden (z.B. Schulterschmerzen)
Wirbelsäulen-/ Bandscheibenproblemen,
Ischiasschmerzen (Ischialgien) bzw. „Hexenschuss“,
Verspannungen und Haltungsschwäche,
Muskelkater, Muskelschmerzen und Muskelfaserrissen,
Kopfschmerzen, Migräne und Tinnitus,
Tennis- und Golferellenbogen
Achillessehnen- und Fersenbeschwerden,
Sehnenscheidenentzündungen,
und sogar Blutergüssen.

Selbst Tierärzte setzen Kinesio-Tapes zur Behandlung ihrer vierbeinigen Patienten ein, was einer reinen Placebo-Wirkung widerspricht, da Tiere für solche Effekte nicht empfänglich sind, die Tapes aber offensichtlich den Tieren helfen.

Durch die Materialeigenschaften wird das Kinesio-Tape bereits nach kurzer Zeit nicht mehr störend empfunden. Die Streifen bestehen aus Baumwoll-Gewebe und sind mit einem Kleber beschichtet, der auch bei einer Pflasterallergie meist gut vertragen wird und sich auch bei Kontakt mit Wasser nicht sofort auflöst. Der Kleber sorgt dafür, dass das Kinesio-Tape fest auf der Haut haftet und diese trotzdem atmen kann.

Das Tapematerial ist den natürlichen Eigenschaften der Haut nachempfunden und übermittelt hierdurch scheinbar „positive“ sensorische Informationen an unseren Körper. „Zentrales“ Taping, wie beispielsweise im Brust- und Bauchbereich, kann bereits zu allgemeinen Verbesserungen der Körpersysteme (Bodyconditioning) führen und scheint als Grundlage für die autoreparativen Prozesse im menschlichen Körper zu dienen.

Die Tapes werden einzeln oder zu mehreren auf die zu behandelnden Körperareale oder Gliedmaßen aufgeklebt. Dabei folgen sie in der Regel den Muskelstrukturen, Bändern oder Nervensträngen. An geschwollenen Gelenken oder großen Blutergüssen werden die Streifen netzförmig aufgebracht. Einzelne Schmerzbereiche, wie beispielsweise bei einem Hexenschuss, können sternförmig mit Tape-Streifen beklebt werden. Getaped ist Akupunktur weiterhin möglich und ein gut getapter Rücken übersteht sogar eine Massage.

Meist spürt der Patient bereits wenige Minuten nach dem Anlegen des Tapes ein Prickeln und Kribbeln unter der Haut und eine Linderung der Beschwerden. Die Hauptwirkung des Taping wird in den ersten 3 bis 5 Tagen nach der Anlage erwartet. Bei chronischen Schmerzen kann es etwas länger dauern, bis dieser Effekt eintritt. Die Tapes können bis zu zehn Tage auf der Haut bleiben. Es kann durch das wasserabweisende Material ganz normal geduscht oder gebadet werden. Saunabesuche und Sport sind kein Problem. Auch Aktivitäten des täglichen Lebens wie beispielsweise Arbeit, Sport und Freizeit werden durch das Tape nicht eingeschränkt, sondern eher gefördert. In den ersten Tagen entfaltet das Kinesio Tape seine größte Wirkung, danach verliert es nach und nach an Elastizität. Nach spätestens einer Woche sollte es entfernt werden.

Die ganzheitliche Betrachtungsweise des menschlichen Körpers mit seinen vielfältigen „Vernetzungen“ über unterschiedliche Strukturen wie beispielsweise Haut, Faszien, Muskeln etc. bildet die therapeutische Grundlage des Kinesio-Taping.

Viele Patienten, die das Kinesio-Taping beim Arzt oder beim Physiotherapeuten kennengelernt und sich von der Wirkung überzeugt haben, möchten es auch zu Hause in Eigenregie anwenden. Wer entsprechendes anatomisches Grundwissen hat und seinen Körper gut kennt, kann sich mit Tapes gut selbst behandeln. Die verschiedenen Möglichkeiten der Behandlung und das korrekte Anlegen der Tapes sollte man sich jedoch zumindest zeigen lassen. Für einige Körperregionen benötigt man zudem die Hilfe einer anderen Person.

Allerdings ist das Kinesio Taping auch kein Allheilmittel. Bei einigen Erkrankungen und Symptomen sollte es nicht zum Einsatz kommen. Dazu gehören offene Wunden, empfindliche Haut oder ein sehr schlaffes Bindegewebe. Bei stark übergewichtigen Personen ist zudem das Fettgewebe sehr ausgeprägt, oft bleibt die Wirkung des Taping in diesen Fällen aus. Auch bei Hauterkrankungen wie Neurodermitis sollte nicht geklebt werden.

Kinesio-Tapes sind generell als begleitende Therapiemaßnahme, nicht aber als Ersatz für den Arztbesuch gedacht. Wenn bisher unbekannte Schmerzen oder Beschwerden auftreten, sollte ein Arzt immer zuerst die Ursachen herausfinden und eine entsprechende Behandlung einleiten. Die Tapes sollten auch nicht dauerhaft zur Prophylaxe angewandt werden. Durch den Dauergebrauch von Kinesio-Tapes könnten sich Muskeln, Sehnen und Gelenke an die durch die Tapes ausgelösten Reize gewöhnen. Eine Rückkehr zu natürlichen Bewegungsmustern wird dadurch erschwert, es drohen Folgeschäden.

Prof. Dr. med. habil. A. Katzer

ORTHOCLINIC Hamburg